Nordvietnam 2007

Meine anstrengendste Motorradtour seit 1984 — 16 Tage durch die Berge Nordvietnams auf einer 7-PS-Minsk, mit Schlammpisten, Monsunregen und gastfreundlichen Bergvölkern.

Jahr
September 2007
Dauer
16 Tage
Start
05.09.2007
Route
Hanoi → Nordvietnam → Hanoi
Motorrad
Minsk 125 ccm (7 PS)
Tourguide
Hong
Gruppe
mit Norbert, Dieter, Markus, Georgia & Hakan
Vietnam 2007

Minsk, Monsun und Bergvölker

„Vietnam? … (minutenlanges Schweigen) … Was wollt ihr denn da? Da ist doch ein Krieg gewesen, das ist doch gefährlich."

So in etwa lief es jedes Mal ab, wenn ich jemandem erzählte, dass meine diesjährige Urlaubsreise nach Vietnam geht. Nun, wenn ich ehrlich bin, habe ich bis zum Februar auch nie daran gedacht, jemals nach Vietnam zu fahren. Aber als ich im Januar in New Zealand war, zeigte mir ein Freund seine Bilder von seiner Vietnam-Tour und begeisterte mich mit seinen Erzählungen von Land und Leuten.

Ankunft in Hanoi

Und nun war es dann so weit. Am 05.09.2007 ging es dann los — über Frankfurt und Bangkok nach Hanoi, der Hauptstadt Vietnams. In Hanoi erwarteten uns schon Dieter, Markus, Georgia und Hakan, die sich dieser Tour angeschlossen hatten, und unser Tourguide Hong.

Zuerst wurde die Hauptstadt Hanoi besichtigt. Der Hauptanteil unserer Besichtigungstour bezog sich auf die Altstadt. Besucht wurden das Ho-Chi-Minh-Mausoleum, das Ho-Chi-Minh-Museum, das Ho-Chi-Minh-Haus, das Historische Museum, der Hang-Da-Markt und das weltberühmte Wasserpuppentheater Mua Roi Nuoc.

Zu erwähnen bleibt der chaotische Verkehr in Hanoi. Es wird einfach so gefahren, wie man meint: Rote Ampeln werden nicht eingehalten, Kreuzungen einfach ohne zu schauen überquert, und der Rechtsverkehr ignoriert. Wichtig ist nur, dass man eine Hupe hat.

Die Minsk 125 — erste Begegnung

Am nächsten Morgen übernehmen wir unsere Motorräder. Ähm… Motorräder??? Nee, das kann doch nicht wahr sein. Das sollen unsere Fahrzeuge der nächsten 16 Tage sein? Anscheinend doch. Also: Wir übernehmen eine Minsk 125 ccm, Sportausführung, 7 PS, mit durchgesessener Sitzbank und und und. Unser Tourguide Hong meint: „You'll hate this or you'll love this bike."

Nachdem unsere Fahrzeuge bepackt worden sind, heißt es, so schnell wie möglich dem Verkehrschaos zu entfliehen. Also die Minsk per Kickstarter anschmeißen und los. Mmhh… oder doch nicht? Als Norbert die Vorderradbremse betätigt, fällt sie plötzlich auseinander. Also Mopeds wieder aus, und schon haben wir die erste Reparatur — und das bei 38 °C.

Nach einer halben Stunde kann es dann endlich losgehen, und so schnell wie möglich Hanoi entfliehen.

Nach Mai Chau — der erste Homestead

Wir folgen dem Highway No. 6 in westlicher Richtung. Nach ca. einer Stunde haben wir Hanoi hinter uns gelassen. Doch wo sind Georgia, Hong und Hakan? Nach einer halben Stunde Warten kommen sie endlich, und wir erfahren, dass Georgia einen Platten hatte, der mal eben behoben werden musste.

Die Suppe läuft, die Luft ist sehr drückend, und jeder Stopp ist eine Qual für mich — denn ich habe mich noch nicht ans Klima gewöhnt. Doch die ersten schönen Landstriche lassen die Strapazen der Hitze erträglich werden. Wir folgen einen kurzen Moment dem Flusslauf des Red River, um uns dann westlich zu unserem Endziel Mai Chau zu orientieren.

Mai Chau ist ein kleiner Ort, der bekannt für sein Kunstgewerbe und Seidenprodukte ist. Die erste Übernachtung wird in einem sogenannten Homestead durchgeführt — Unterkünfte bei einheimischen Familien. Man bekommt sozusagen das Familienleben live mit. Nachdem wir uns frisch gemacht haben, besuchen wir das Künstlerdorf. Nach einem leckeren Abendessen werden uns die einheimischen Tanzrituale vorgeführt. Wir beenden den Abend mit einigen Gläsern Reiswein.

Highway 5 nach Thung Man — Schlammschlacht im Monsun

Heute geht es nun weiter in Richtung Norden auf dem alten Highway No. 5 — über viele kleine Bergstraßen, die am besten nur mit dem Bike, Pferd oder Ochsenkarren befahrbar sind — nach Thung Man. In diesem Gebiet leben viele unterschiedliche Volksgruppen, die ein einfaches Leben führen und nur von Trockenreis, Gemüseanbau und Jagen im Wald leben.

Das Wort „Straße" beginnt von nun an für uns eine neue Bedeutung zu bekommen. Es ist einfach nur ein Feldweg, der übersät ist mit Schlaglöchern, Schlammlöchern, Auswaschungen, Schottersteinen, Kuhscheiße usw.

Nachdem wir die ersten Hürden genommen haben, stoßen wir nun auch auf die ersten kleinen Probleme mit unseren Minsk, die uns bis zum Ende der Tour kontinuierlich begleiten werden: Fußrasten, die abbrechen, Kupplungszüge, die reißen, Handhebel, die durch Stürze abbrechen, und Schaltungen, die nicht mehr funktionieren. Auch verliert manchmal unser Tourguide die Orientierung und führt uns in die falsche Richtung, die dann manchmal im tiefen Schlamm und Morast endet.

Plötzlich zieht sich der Himmel zu, und es fängt monsunartig zu regnen an. Der bis dato einigermaßen befahrbare Weg entwickelt sich in Minutenschnelle zu einer schlammartigen Rutschpartie. Bei einer Durchquerung einer Spurrille verliert Norbert die Kontrolle über sein Fahrzeug und fällt unglücklich auf seine linke Hand. Diese schwillt zu einem fleischklumpenartigen Gebilde an. Nur noch mit Schmerzen schafft es Norbert bis zu unserem Endziel, das kurzerhand von unserem Tourguide von einem Homestead zu einem Hotel umgewandelt wurde. Der Abend wird damit verbracht, die Blessuren zu verarzten und die nassen Sachen zu trocknen. Unglücklicherweise zogen sich einige Leute auch noch einen Durchfall zu.

Nach Phu Yen — Grassteppen und Fluss-Überquerung

Noch geschwächt vom Vortag, ging es weiter nach Phu Yen. Heute ist die Strecke gut ausgebaut, sodass keine weiteren Schwierigkeiten zu erwarten sind. Am Nachmittag genießen wir die wunderschönen Graslandschaften um Moc Chau, das bekannt ist für sein mildes Klima und seine Obst- und Teeplantagen. Interessant wird es dann doch noch, als wir mit einem kleinen Floß den Da River überqueren müssen. Anschließend können wir noch die schöne Flusslandschaft genießen.

Über den Chen Pass und den Pha Din Pass

210 km stehen heute auf dem Plan. Das heißt bei unseren Minsk und den Straßen Vietnams, dass uns heute ein langer Fahrtag bevorsteht. Geplant sind davon auch ca. 30 km nur Offroad. Aufgrund Norberts Verletzung entschließe ich mich, mit ihm anstatt der Offroad-Strecke eine angeblich bessere Alternativstrecke zu fahren.

Wir starten morgens um 7:00 Uhr und steigen sofort in die beeindruckende Landschaft mit Reis- und Maisfeldern ein. Anschließend geht es durch die Maniokwälder und über den Chen Pass, der die Bac-Yen-Berge verbindet, nach Son La. In Son La legen wir unsere Lunchpause ein und besichtigen dort das ehemalige französische Gefängnis und das Gebietsmuseum.

Dann geht es weiter über einige Passstraßen bis kurz vor Tuan Giao. Dort trennen wir uns und vereinbaren einen Treffpunkt am Pha Din Pass, der wegen des Unabhängigkeitskampfes von 1954 zu Berühmtheit gelangt ist. Unsere angeblich bessere Alternativstrecke erweist sich als eine von Schlag- und Morastlöchern durchlöcherte Straße, die mit einigen nervigen Anstrengungen von uns ohne Zwischenfall gemeistert wurde.

Am vereinbarten Treffpunkt warten wir fast eine Stunde. Da sich bis dahin keiner dort hat blicken lassen, entschließen Norbert und ich, dort eine Nachricht zu hinterlassen und zu unserem Endziel weiterzufahren. In Tuan Giao warten wir bis 21:00 Uhr auf die erschöpften anderen Mitfahrer. Wir erfahren, dass die Offroad-Strecke kurz vor dem Ende nicht mehr befahrbar war und sie umkehren mussten. Auch verhinderten wieder einige kleine Defekte an den Minsk ein zügiges Weiterfahren.

Sieben Pässe auf dem Highway 6 und die Bergvölker

Am nächsten Morgen geht es weiter, auf unserer Entdeckungsreise durch Nordvietnam, auf den restlichen 98 km des historischen Highways No. 6. Die Straße ist wieder sehr anspruchsvoll, aber die Landschaft entschädigt die Anstrengungen durch beeindruckende sieben hohe Passtrassen und den Blick auf den Da River, der sich durch die Täler windet.

Auf dem Weg sehen wir viele Einheimische wie die Black Thai, Kho Mu, Lu, Black H'mong, Green H'mong und White H'mong, die wie viele andere Bergvölker hier ihrem Alltagsleben nachgehen. Nach dem Lunch in Lai Chau nehmen wir ein Boot für eine kleine Fahrt auf dem Nam Na River. Wieder an Land geht es weiter bis nach Sin Ho.

Sin Ho ist bekannt für den reichsten Bergmarkt in der Nordwest-Region. Das einzige Hotel dort erweist sich als Luxusherberge — was man anhand der ärmlichen Stadt nicht erwartet hätte.

Sapa und die Tonkin-Alpen

Heute steht Sapa auf dem Plan. Der Weg dorthin ist sehr angenehm zu fahren. Kurvenreiche, gut ausgebaute Straßen lassen den Fahrspaß gleich steigen. Sapa selber hat sich zu einem Touristenort entwickelt. Der Ort wurde 1922 in einem Hochtal inmitten der Hoang-Lien-Berge erbaut.

Von den Franzosen wurde diese Gebirgskette „Tonkinesische Alpen" getauft. Einer der Berge ist der Fansipan, mit 3.143 m der höchste Gipfel Vietnams. Sapa selber liegt auf 1.600 m und ist bekannt für kalte und wolkenreiche Winter. Wir besuchen dort den heimischen Markt und ein English Pub.

Xin Man, Luc Yen und der Ba-Be-Nationalpark

Die nächsten Fahrtage führen uns nach Xin Man, Luc Yen und zum Ba-Be-Nationalpark. Unterwegs sehen wir viele Reisfelder an den Berghängen, passieren grüne Teefelder und können das harte Arbeitsleben der Vietnamesen live miterleben. Immer wieder sehen wir Frauen, die vier Meter lange, zu einem Bündel gebundene Bambusbäume kilometerlang auf den Schultern zu ihrem Zielort schleppen. Ich selber habe mal versucht, so ein Bambusbündel zu heben — ich kann nur sagen: Respekt vor der Leistung der Einheimischen.

Der anstrengendste Fahrtag — 41 km in 12 Stunden

Der heutige Tag sollte der anstrengendste Fahrtag meiner Motorradkarriere werden. 130 km sind angesagt, davon 80 km Offroad. Einige der Mitfahrer zweifeln von vornherein daran, dass wir die komplette Strecke schaffen werden — doch unser Tourguide tönt, dass er die Tour in drei bis vier Stunden schaffen würde.

Der Tag beginnt um 8 Uhr mit einer angenehmen Flussfahrt auf dem Nang River. Für die ca. 20 km lange Flussstrecke benötigt die „Fähre" ca. 2 Stunden. Kaum haben wir unsere Motorräder abgeladen, empfängt uns sofort eine Steigung, die es in sich hat. Nur mit vereinten Kräften überwinden wir die schlammartige und durch Furchen gepflasterte Steigung.

Ich möchte hier nicht die nächsten Strapazen beschreiben, denn das ist sowieso nicht möglich. Ich kann nur sagen, dass wir für ca. 41 km etwa 12 Stunden gebraucht haben. Irgendwann auf der Strecke bin ich nur noch sitzen geblieben und habe gesagt, dass ich völlig ausgelaugt bin und ich keinen Meter mehr weiterfahren werde.

Übernachtung in der Holzhütte

Notgedrungen konnten wir bei einer netten Familie (ich bin ihr heute noch sehr dankbar), die in einer Holzhütte von ca. 30 m² mit drei Generationen lebte, auf dem Lehmboden übernachten. Schnell wurde ein Huhn geschlachtet, und in einer Kochnische (bestehend aus einer Feuerstelle mit Gusstöpfen) ein kleines Mahl für uns zubereitet. Nach dem Essen fielen wir nur noch alle auf unsere Schlafsäcke, um uns von den Strapazen zu erholen.

Am nächsten Tag fahren wir nur noch 30 km bis zur nächsten größeren Ortschaft Bac Me, um dort einen ungeplanten Ruhetag einzulegen. 15 Stunden Nonstop schlafen war angesagt.

233 km durch die Berge und ein Sturz

Ausgeruht stand uns ein erneut langer Fahrtag bevor, denn wir mussten ja den verlorenen Tag wieder aufholen. 233 km durch die Berge sind mit den Minsk kein Pappenstiel. Glücklicherweise waren die Straßen bis auf das erste Teilstück in einem relativ guten Zustand, sodass wir am Anfang zügig vorankamen.

Aber wie es nun mal kommen muss, wurden wir wieder vom Pech verfolgt. In einer Kurve verlor ein Mitfahrer die Kontrolle über das Motorrad und stürzte — dabei zerriss er seine Motorradhose. Glücklicherweise entstanden keine großen Verletzungen. Doch die Kupplungseinheit brach in der Mitte durch. Mit Pflaster reparierten wir sie, da wir keine Ersatzteile zur Verfügung hatten.

Auch hatten wir die anderen Mitfahrer in der Zwischenzeit verloren, weil sie Probleme mit gerissenen Kupplungszügen und Antriebsketten hatten. Erst gegen 21 Uhr erreichten Norbert, Dieter, Hong und ich unser Endziel. Die anderen drei Mitfahrer übernachteten ca. 60 km vorher in einer kleinen Ortschaft.

Aussprache und Ban-Gioc-Wasserfälle

Der nächste Tag war zu Recht mit einer miesen Stimmung unseres Tourguides überschattet. Er monierte unser Teamverhalten. Die eigenwilligen Fahreinlagen hatten uns nur zusätzliche Mühen und Kosten erzeugt. Erst nach einer Aussprache konnten wir die Fronten klären und unseren Fahrtag wieder genießen.

Denn heute war ein Loop zu den Wasserfällen Ban Gioc an der chinesischen Grenze geplant. Der Anfahrtsweg und die Wasserfälle erwiesen sich als eine Augenweide. Die bezaubernde Landschaft an der chinesischen Grenze entlang ließ alle Unstimmigkeiten verfliegen. Am Abend kehrten wir bei einer netten kleinen Familie ein, die aus vielen netten Frauen :-) bestand.

Mau-Son-Bergregion und Saufgelage

Der vorletzte Fahrtag sollte uns in die Mau-Son-Bergregion führen. Die 30 km lange Serpentinenstraße ließen sogar mit unseren Minsk einen Fahrspaß aufkommen. Auch die reizvolle Berglandschaft ließ uns immer wieder zum Anhalten und Genießen bewegen. Den Tag beendeten wir mit einem kleinen Saufgelage und Armdrücken mit den einheimischen Bergbewohnern.

Zurück nach Hanoi

Zum letzten Fahrtag gibt es nicht mehr groß zu erwähnen. 185 km über den gut ausgebauten Hwy No. 1 bis nach Hanoi, das wir am frühen Nachmittag erreichten. Ein letztes gemeinsames Abendessen und Adressenaustausch war angesagt. Auch waren wir alle glücklich, doch relativ heil — bis auf viele blaue Flecken, eine verstauchte Hand und einige Durchfälle — die Tour überstanden zu haben.

Fazit: Dies war meine anstrengendste Motorradtour seit 1984. Sie übertraf sogar die BTS-Tour 2000 in Australien. Nordvietnam hat mir sehr gut gefallen. Die Leute waren sehr freundlich und hilfsbereit. Man wurde immer mit einem Lächeln begrüßt. Es lohnt sich jedenfalls, das Land wieder zu besuchen — aber nie wieder werde ich es mit einer Minsk versuchen.

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Bildergalerie Vietnam

Die Bilder dieser abenteuerlichen Tour gibt's in der Galerie: